Was die Iran-Krise mit Kakao zu tun hat – und was nicht

Was die Iran-Krise mit Kakao zu tun hat – und was nicht

Kurzer Überblick:

Kakaopreise wirken auf den ersten Blick wie ein einfaches Thema: Es gibt einen Preis, und der steigt oder fällt. In der Realität ist es deutlich komplexer. Was an der Börse passiert, hat oft nur indirekt damit zu tun, wie es Kakaobäuer:innen wirklich geht. Während Preise schwanken, kämpfen viele Produzent:innen gleichzeitig mit steigenden Lebenshaltungskosten, unsicheren Ernten und einem System, in dem nur ein Teil des Geldes bei ihnen ankommt. Dieser Text versucht, genau das auseinanderzuhalten und verständlich zu machen, was gerade wirklich im Kakaomarkt passiert.

Gedanken nach einer 16-minütigen Sprachmemo von Jan Schubert über Kakaopreise, Marktlogik und die Jahre 2026/27

In den letzten Wochen kam die Frage immer wieder auf, was die Eskalation rund um Iran eigentlich für Kakao bedeutet. Die Logik liegt erst einmal nahe: Wenn geopolitische Spannungen zunehmen, Energie teurer wird, Transport unsicherer wird und sich Märkte nervös verhalten, müsste das irgendwann auch bei Kakao zu spüren sein.

Vor ein paar Tagen hat mir Jan Schubert dazu eine 16-minütige Sprachnachricht aus Cuenca in Ecuador geschickt. Jan ist Head of Sourcing bei Original Beans und einer unserer direkten Handelspartner. Er lebt nah an den Ursprüngen, reist viel, spricht mit Kooperativen, Exporteuren, Agronomen und Produzent:innen und hat dadurch oft einen Blick auf den Markt, der sich deutlich von dem unterscheidet, was man aus Schlagzeilen oder Preisgrafiken herauslesen würde.

Was ich an der Nachricht so hilfreich fand: Sie war weder alarmistisch noch beschwichtigend. Sie hat vor allem geholfen, verschiedene Dinge auseinanderzuhalten, die in der öffentlichen Debatte oft vermischt werden. Genau das versuche ich in diesem Text auch.

Der erste Punkt: Der Weltmarktpreis erzählt nur einen Teil der Geschichte

Gleich am Anfang sagt Jan einen Satz, der für mich die Richtung vorgibt:

„Der Weltmarktpreis für Kakao ist unverändert wahnsinnig niedrig.“

Das klingt im ersten Moment fast kontraintuitiv, weil der Kakaopreis in den letzten Monaten ja so stark im Medienfokus stand wie lange nicht. Aber genau hier beginnt schon das erste Missverständnis. Wenn wir über „den Kakaopreis“ sprechen, meinen wir oft sehr unterschiedliche Dinge: den Börsen- oder Weltmarktpreis, Preise entlang der Lieferkette wie zum Beispiel der sogenannten FOB-Preis oder den Farmgate-Preis, also das, was beim Bauern oder bei der Bäuerin tatsächlich ankommt. Dazu kommen Qualitätsunterschiede, regionale Unterschiede und sehr unterschiedliche Kostenstrukturen.

Jan spricht in seiner Sprachmemo zunächst über den Weltmarktpreis, also über das, was an den Terminmärkten zum Beispiel in London sichtbar wird. Seine Beobachtung ist, dass dieser Preis zuletzt zwar immer wieder auf Nachrichten reagiert hat, aber ohne klare Richtung. Mal heißt es, die Straße von Hormuz sei geschlossen und der Markt geht etwas hoch, dann kommen Nachrichten eines vermeintlichen Deals zwischen den USA und Iran rein und er fällt wieder.

Das ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck dessen, wie dieser Markt gerade funktioniert. Der Futures-Markt handelt nicht nur aktuelle Knappheit, sondern vor allem Erwartungen. Und dort liegen im Moment zwei Dinge übereinander: eine weiterhin fragile Angebotslage und eine schwächere Nachfrage als erwartet.

Warum der Preis trotz fragiler Ernten nicht einfach steigt

Ein zentraler Teil von Jans Einordnung ist die Nachfrageseite. Er sagt, dass die Nachfrage im ersten Quartal in Amerika und Europa deutlich schlechter war als prognostiziert, und auch schlechter als im Vorjahr. Gerade die sogenannten Vermahlungszahlen, also wie viel Kakao verarbeitet wird, aus Europa und Nordamerika sind für den Markt wichtige Signale, weil sie als Indikator für die industrielle Nachfrage gelesen werden.

Wenn diese Zahlen schwächer ausfallen, drückt das auf die Preise. Auch dann, wenn die Situation im Ursprung keineswegs entspannt ist.

Das ist einer der Punkte, die man leicht übersieht, wenn man nur mit der Vorstellung auf den Markt schaut: Krieg gleich Unsicherheit gleich höhere Preise. So linear funktioniert es im Kakao gerade nicht. Die geopolitische Lage erzeugt Unsicherheit, aber gleichzeitig senden schwache Nachfragedaten ein Gegensignal. Der Markt reagiert deshalb nicht mit einer eindeutigen Bewegung, sondern mit Schwankung.

Warum das trotzdem keine Entwarnung für den Ursprung ist

Wichtig ist dabei, was Jan direkt hinterherschiebt:

„Die Angebotslage hat sich in keinster Weise verbessert.“

Das ist für mich einer der wichtigsten Sätze der ganzen Nachricht. Denn aus stagnierenden oder fallenden Börsenpreisen wird schnell die falsche Schlussfolgerung gezogen, dass sich die Lage im Ursprung verbessert haben müsse. Genau das ist laut Jan nicht der Fall.

Vor allem in Westafrika, also in Ghana und der Elfenbeinküste, wirken die strukturellen Probleme weiter: Klimawandel, schwächere Ernten, ausgelaugte Böden, Monokulturen und ein massiver Einsatz von Pestiziden. Jan spricht in seiner Nachricht auch darüber, wie irreführend manche Marktmeldungen sein können. Dann heißt es, Ghana produziere wieder fünf oder sieben Prozent mehr. Das klingt nach Erholung. Aber wenn ein Land zuvor von ungefähr einer Million Tonnen auf rund 400.000 Tonnen gefallen ist, verändert ein kleiner Anstieg die Grundsituation noch nicht.

Der Punkt ist also nicht, dass das Angebotsproblem gelöst wäre. Sondern eher, dass der Markt aktuell stärker auf kurzfristige Nachfragesignale schaut als auf die strukturelle Schwäche im Anbau.

Was Jan aus Ecuador, Peru und Brasilien beschreibt

Spannend fand ich, dass Jan in seiner Sprachmemo nicht nur über Westafrika spricht, sondern auch über Lateinamerika. Gerade in Ecuador, Brasilien und Peru wurde in den letzten Jahren stark auf Kakao gesetzt, zum Teil auch von Akteuren, die nicht aus klassisch kleinbäuerlichen Strukturen kommen.

Jan beschreibt das ziemlich anschaulich: Viele hätten gesehen, dass Kakao zeitweise bei 10.000 oder 12.000 Dollar pro Tonne stand. Daraus wurden Business Cases gebaut. Selbst wenn man vorsichtiger nur mit 6.000 gerechnet habe, sah das noch attraktiv aus. Bei einem Weltmarktpreis von 3.200 bis 3.500 sieht dieselbe Rechnung aber völlig anders aus.

Die Mechanik dahinter ist nicht kompliziert. Professionalisierte Farmen haben oft eine andere Kostenbasis als kleinbäuerliche Systeme. Sie arbeiten stärker mit Maschinen, Diesel, externen Inputs und Renditeannahmen. Wenn der Preis weit unter den Annahmen liegt, auf denen diese Projekte geplant wurden, werden Investitionen gestoppt oder verschoben.

Jan sagt dazu in seiner Nachricht, dass in Ecuador und Brasilien „ganz viele Kakaoprojekte, die im Aufbau sind, gerade wieder gestoppt werden oder nicht weitergetrieben werden“.

Auch in Peru sieht er Druck. Dort seien viele kleinere Kakaofarmen auf dem Markt, gerade im Bereich zwischen zwei und fünf Hektar. Der Hintergrund ist nachvollziehbar: Wer keinen Zugang zu einem Specialty-Markt hat und im Wesentlichen am Weltmarkt hängt, für den werden diese Preise bei gleichzeitig gestiegenen Lebenshaltungskosten schnell existenziell.

Wo sich die Iran-Krise tatsächlich bemerkbar macht

An diesem Punkt wird die geopolitische Lage indirekt relevant.

Nicht unbedingt deshalb, weil sie den Kakaopreis automatisch nach oben schiebt. Sondern weil sie auf der Kostenseite Druck erzeugt. Jan sagt, in Peru seien die Spritpreise und Gaspreise zum Kochen hätten sich teils sogar verdreifacht.

Das ist ökonomisch gesehen sehr relevant, auch wenn es auf Kakaobörsen-Grafiken nicht direkt sichtbar wird. Denn für Produzent:innen zählt nicht nur, wie sich der Preis ihres Produkts bewegt. Entscheidend ist auch, wie sich das Verhältnis zwischen Einnahmen und Lebenshaltungskosten entwickelt.

Jan bringt das in der Sprachnachricht sehr präzise auf den Punkt:

„Wir haben Weltmarktpreise, die sich nicht bewegen, aber steigende Lebenshaltungskosten.“

Ich finde, dieser Satz erklärt mehr über die aktuelle Lage als viele längere Marktberichte. Denn er verschiebt den Blick vom abstrakten Rohstoffpreis auf die eigentliche Frage: Wie tragfähig ist Kakao unter realen Lebensbedingungen?

Warum man bei Inputkosten genauer hinschauen muss

Ein weiterer Punkt aus Jans Nachricht, den ich wichtig finde, betrifft die Frage nach Düngemitteln, Pestiziden und Betriebsmitteln. Auch hier argumentiert er deutlich differenzierter als viele pauschale Debatten.

Bei professionalisierten Farmen in Ecuador oder Brasilien spielen Diesel, Maschinen und externe Inputs eine größere Rolle. Dort schlagen höhere Energiepreise direkter auf die Kostenstruktur durch. Beim kleinbäuerlichen Kakaoanbau sieht das oft anders aus. Nicht deshalb, weil dort alles einfacher wäre, sondern weil viele sich große Mengen Kunstdünger ohnehin gar nicht leisten können.

Jan macht in seiner Nachricht einen wichtigen Unterschied: Im Kakao sei das größere Problem häufig nicht der Düngemitteleinsatz, sondern der massive Einsatz von Pestiziden, Fungiziden und Herbiziden. Gerade billige Breitbandmittel, die kurzfristig wirken, aber langfristig viel zerstören.

Auch das ist wichtig für jede Marktanalyse. Wenn man verstehen will, wie globale Krisen im Ursprung ankommen, muss man genauer hinschauen, welche Anbausysteme man eigentlich betrachtet.

Die eigentliche Frage: Welcher Preis kommt beim Bauern an?

Für mich wurde die Nachricht an der Stelle besonders relevant, an der Jan über Mindestpreise und Living-Income-Überlegungen spricht. Denn letztlich geht es genau darum: Was müsste beim Bauern oder bei der Bäuerin ankommen, damit Kakao unter vernünftigen Bedingungen weiter angebaut werden kann?

Jan spricht schon seit längerem mit mir darüber, höhere Mindestpreise für Produzent:innen zu verankern. Ich bin total dafür - der Prozess ist allerdings mühsam und recht bürokratisch. Er nennt als realistische Orientierung für Kakaos im „Specialty“ Segment einen Farmgate-Preis von rund 5.000 Dollar pro Tonne getrockneter Kakaobohnen – also den Preis, den die Bäuer:innen direkt für ihre Ernte erhalten. Das würde ungefähr 7.000 Dollar pro Tonne FOB (Free on Board) entsprechen, also dem Preis der Ware, wenn sie fertig verarbeitet ist und für den Export bereitliegt. Dieser Preis beinhaltet dann Zollabgaben im Ursprungsland, Logistikkosten und einen kleinen Anteil für die Genossenschaft, die dadurch wichtige Infrastruktur und Gehälter für zentrales Personal finanziert.

Konkret bedeutet das für die Bäuer:innen, dass sie deutlich mehr für ihre Ernte verdienen und damit ihre Lebensgrundlage besser sichern können. Ein höherer Farmgate-Preis ermöglicht es ihnen außerdem, in Qualität, nachhaltigen Anbau und ihre eigene Zukunft zu investieren.

Das liest sich erstmal perfekt. Warum machen wir das dann nicht einfach? Wichtig ist dabei zu verstehen: Auch wenn wir als Entscheidungsträger das gerne durchwinken würden, dann steht auf der anderen Seite immer noch ein Markt an Abnehmern, die sich für teurere Preise entscheiden müssen, genau du, liebe:r Leser:in. Im Falle von Original Beans, dem Unternehmen, für das Jan arbeitet, ist das besonders schwierig, weil der B2B-Markt geflutet wird von Billiganbietern wie Callebaut oder Valrhona. Wenn ihre Kakaomasse oder Kuvertüre doppelt so viel kostet wie die der Konkurrenz, dann lässt sie sich nicht mehr verkaufen. Es ist also eine schwierige Balance.

Genau deshalb fand ich seinen Verweis auf die sogenannten Living-Income-Referenzen so interessant. Jan nennt eine Fairtrade-Kalkulation für ecuadorianischen Bio-Kakao, die bei ungefähr 4.500 Dollar Farmgate Preis landet - also ziemlich genau dort, wo Jan den Preis für Specialty Kakao gerne hätte. Gleichzeitig hält er die Annahmen dieser Berechnung zum Teil sogar noch für optimistisch, etwa bei Flächengrößen oder Erträgen.

Das heißt: Selbst eine eher marktfreundlich gerechnete Studie kommt bereits auf ein Preisniveau, das deutlich über dem liegt, was heute in vielen Fällen tatsächlich beim Bauern ankommt.

Was das aus Moruga-Perspektive bedeutet

Aus Moruga-Perspektive ist das keine abstrakte Rechenübung. Es berührt direkt die Frage, was fairer Handel praktisch heißt. Nicht als Label, sondern als Preislogik.

Wenn man akzeptiert, dass gute Qualität, Agroforst, Bio-Anbau und langfristige Bodenfruchtbarkeit nicht kostenlos entstehen, dann muss sich das irgendwann auch in den Preisen wiederfinden. Nicht überall identisch und nicht auf Knopfdruck, aber grundsätzlich schon.

Genau deshalb fand ich Jans Sprachmemo so wertvoll. Sie liefert keine einfache These und auch keine saubere Vorhersage. Sie hilft eher dabei, die Mechaniken hinter dem Markt besser zu verstehen. Nachfrage, Erwartungen, Vermahlungszahlen, Ernten, Kostenstrukturen, Preisweitergabe und Lebenshaltungskosten greifen ineinander. Wer nur auf die Kurve schaut, sieht davon immer nur einen Ausschnitt.

Was das für 2026 und 2027 nahelegt

Jan legt sich in seiner Nachricht nicht auf eine simple Prognose fest. Er sagt nicht: Die Preise gehen jetzt sicher hoch. Er sagt aber auch nicht: Die Preise bleiben sicher niedrig.

Seine eigentliche Einschätzung ist nüchterner. Er hält es für gut möglich, dass die Preise wieder steigen, wenn sich deutlicher zeigt, wie schwach die Ernten tatsächlich bleiben. Gleichzeitig sieht er das Risiko, dass wir zunächst eine Phase niedrigerer Preise erleben, in der mehr Produzent:innen aussteigen und mehr Projekte scheitern – und dass genau daraus später wieder eine neue Verknappung entsteht.

Das erscheint mir als Beschreibung der Lage plausibler als jede punktgenaue Vorhersage. Gerade für 2026 und 2027 wird es wahrscheinlich wichtiger sein, diese Mechanik zu verstehen, als so zu tun, als ließe sich der Markt sauber vorhersagen.

Hör selbst rein: Jans Sprachmemo aus Ecuador

Jan Schubert, Head of Sourcing bei Original Beans und einer unserer direkten Handelspartner, hat mir zu dieser Frage eine 16-minütige Sprachnachricht aus Cuenca geschickt. Ich finde sie so präzise und so nah an der Realität, dass wir sie hier direkt hochgeladen haben.


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